„Wenn man eine Heilige ist, dann null Problemo!“

Seit Paula* Stiefmutter ist, versteht sie die Gefühle der bösen Stiefmütter in den Märchen immer besser. Dabei sieht sie ihre drei Stiefkinder nur ganz selten und versteht sich sogar gut mit ihnen. Doch bei jedem Treffen reißt sich die 37-Jährige den Kindern zuliebe zusammen, damit sie nicht mitbekommen, wie es ihr eigentlich geht. Sie unterdrückt dann ihre Gefühle: Eifersucht und Angst. Sie hat große Schwierigkeiten, die eigene Rolle zu finden, und fühlt sich von ihrem Mann zu wenig unterstützt. Bis zum Interview für diesen Text hat sie noch nie jemand gefragt, wie es ihr in ihrer Situation als Stiefmutter geht.

Eigentlich könnte alles so einfach sein. Locker und unkompliziert. Die Kinder sind schon ziemlich groß, 12, 17 und 19 Jahre alt und wohnen bei der Mutter 500 Kilometer entfernt. Die Trennung ging von der Mutter aus, es gibt also keine Schuldvorwürfe dem Vater oder der neuen Frau, also ihr, Paula, gegenüber. Die Kinder mögen sie, fragen oft nach ihr und lassen ihr Grüße ausrichten. Trotzdem gibt Paula gleich zu Beginn zu: „Stiefmama sein ist mittlerer Mist, finde ich!“ Denn alles könnte so einfach sein, wären da diese schlimmen Gefühle nicht.

Regelmäßig holt sie die Vergangenheit ein. Die Eifersucht auf die Vergangenheit, auf die lange gemeinsame Geschichte von Vater, Mutter und den Kindern. Immer wieder hat sie dann plötzlich Angst, ihren Mann Jan* zu verlieren. „Du kommst ja einfach nicht aus deiner Haut, und die Eifersuchtsgefühle sind einfach da. Am Anfang hatte ich Angst, dass er zu ihr zurück geht, obwohl das damals schon Quatsch war.“ Auch wenn sie die Kinder sieht, hat sie diese Verlustängste, etwa wenn sie sieht, wie ihr Mann mit seiner jüngsten Tochter kuschelt oder herumtollt. „Ich denke dann ja immer gleich, ich werde demnächst verlassen“, gesteht sie.

Früher Stiefkind – jetzt Stiefmutter

Paula stammt selbst aus einer Patchworkfamilie. Sie hat viel durchgemacht und ihre Jugend als ewiges Hin und Her in Erinnerung, immer zwischen zwei Welten pendeln zu müssen. „Und jedes Mal versuchen, in der jeweils neuen Familie dann so eine Position zu finden. Ich hab so das Gefühl, das hört nie auf.“ Einen Platz für sich finden, der ihr nicht weggenommen wird, ist seitdem ein großes Thema für sie. Ihre eigene Stiefmutter und ihren Stiefvater hat sie deshalb immer als Störenfried empfunden. „Auf die hätte ich gut verzichten können. Die waren nicht böse zu mir, aber die eine hat sich quasi meinen Vater unter den Nagel gerissen und der Stiefvater meine Mutter.“

Von ihren Stiefeltern wollte sie sich nicht gern etwas sagen lassen. Doch nun ist sie die Stiefmutter: „Jetzt fühle ich mich selber so in der Position: Jetzt bin ich die! Und jetzt bin ich vor allem die Erwachsene und kann nicht wie ein Kind mit dem Fuß aufstampfen und heulen und schreien und kratzen.“ Jetzt muss sie vernünftig sein und ihre eigenen Bedürfnisse zurückstecken. Kindern zuliebe, die nicht ihre eigenen sind.

Eigener Kinderwunsch von vornherein ausgeschlossen

„Von mir wird nicht so viel verlangt“, räumt sie ein. Die Kinder sind herzlich und nett zu ihr. Darüber möchte sie sich auch gar nicht beschweren. Während die Kinder oft nach ihr fragen und sie grüßen lassen, nennt sie sich selbst eine eher passive Stiefmutter. „Aber die Position, die ist einfach Mist. Den eigenen Platz zu finden. Wo steh ich in dieser Familie? Ich hab ja selber mit Jan keine Familie.“

Ihr Mann möchte nicht nochmal von vorne anfangen und eine neue Familie gründen. Paula hat noch keine eigenen Kinder und auch keinen starken Wunsch danach. So richtig traut sie sich die Mutterrolle auch nicht zu. „Aber es ist auch einfach schon mal ausgeschlossen. Ich muss halt sehen, dass ich mit dem, was da schon vorhanden ist, klarkomme.“ Das findet sie manchmal ungerecht und erklärt: „Die haben schon ihre eigene Vergangenheit und ihre eigene Geschichte. Da fühle ich mich dann immer etwas außen vor.“ Sie glaubt allerdings nicht, dass es sich besser anfühlen würde, wenn sie eigene Kinder hätte.

„Familienkonstellation wie früher und ich sitze dazwischen“

„Ich denke, dass einen nicht mehr verbinden kann, als wenn Leute zusammen Kinder haben. Und das bleibt ja auch ein ganzes Leben lang so.“ Darüber hat sie mit ihrer Mutter gesprochen. „Die hat sich ja auch von ihrem Mann, also meinem Vater, getrennt. Sie meint, das ist überhaupt nicht so. Das ist nicht so, dass einen das emotional ewig bindet.“ Die Sätze ihrer Mutter haben etwas Beruhigendes.

Zur leiblichen Mutter ihrer Stiefkinder hat Paula momentan keinen Kontakt. Aber die Frauen kennen sich. Die Exfrau ist sogar sehr freundlich zu ihrer Nachfolgerin. Zu Beginn der Beziehung vor fünf Jahren war Paula zweimal an Heiligabend mit ihrem Mann bei ihr und den Kindern. Trotz aller Nettigkeiten fühlte sie sich dabei furchtbar: „Ich hab in dieser Familie nix zu suchen! Das ist dann die alte Familienkonstellation, so wie früher, und ich sitze dann so dazwischen.“

„Ich weiß nicht, wie lang ich die gute Stiefmutter spielen kann.“

Wirklich unerträglich aber war es für Paula, als sie mit ihrem Mann und der jüngsten Stieftochter zusammen bei einem kleinen Festival zeltete. „Das war für mich eine ziemliche Katastrophe“, erzählt sie. Sie hatte schon vorher kein gutes Gefühl bei der Sache, ihrem Mann zuliebe aber eingewilligt. Sie hatte zu ihm gesagt: „Ich stell mich da nicht gegen, aber es kann sein, dass es ziemlich schlimm wird.“ Und es ist ziemlich schlimm geworden.

„Da habe ich einfach gemerkt, dass mich die ganze Vergangenheit einholt“, bekennt sie. Deshalb will sie so eine gemeinsame Tour nicht noch einmal machen. „Weil: Ich weiß nicht, wie lang ich die gute Stiefmutter spielen kann“, erklärt sie und muss dabei lachen.

Angst: „Muss ich jetzt hier meinen Platz räumen?“

Am Anfang hielt sie es noch aus, doch je mehr sie Mann und Kind zusammen sah, kamen die schlimmen Gefühle. Dass ihr die Felle wegschwimmen. Dass sie ihren Platz verliert. Die Frage: Wer ist jetzt wichtiger? Darüber ärgert sie sich selbst. „Und die Kleine ist wichtiger, denn sie ist ja noch ein Kind. Ich kann da ja keine Wünsche äußern und mich jetzt hier positionieren dick und fett.“

Das einzige, was ihr in solchen Situationen hilft: „Wenn ich merke, jetzt kommt wieder gleich die Panik auf, dann gehe ich weg, einfach weg aus der ganzen Situation.“ Ihre persönliche Horrorvorstellung ist deshalb ein Leben als Vollzeitstiefmutter. „Wenn jetzt die Situation wäre, dass der Mutter irgendwas zustößt und die Kleine zu uns ziehen müsste, dann würde ich natürlich nichts dagegen sagen“, erzählt sie. „Aber das wäre für mich die absolute Katastrophe erstmal!“

Zu wenig Unterstützung vom Partner

Ihr Mann hat nicht verstanden oder nicht einmal richtig mitbekommen, wie es ihr bei dem gemeinsamen Kurzurlaub ging. Deshalb wollte er etwa von ihr, dass sie mit zu gemeinsamen Ausflügen kommt. „Mensch, merkst du das nicht?“, dachte sie da. „Ich kann nicht mehr!“ Sie hat nur noch geweint und versucht, dass die Kleine nichts davon mitbekommt. „Und dann fand ich schlimm, dass Jan überhaupt nicht darauf eingegangen ist“, wendet sie enttäuscht ein. „Auch im Nachhinein hat er nicht mehr gefragt, was denn da eigentlich los war.“

Paula kann sowieso nicht besonders gut mit ihrem Mann darüber reden. „Es ist nicht so, dass er sich rechtfertigt oder abblockt“, meint sie. „Er sagt einfach gar nichts.“ In solchen Situationen würde sie sich mehr Unterstützung von ihm wünschen. Sein Argument: “Er sagt, er ist ja eigentlich der Geschädigte aus dem Ganzen.“ Und Paula gibt ihm Recht: „Das ist ja auch so.“ Trotzdem ist sie es, die niemanden hat, mit dem sie reden kann. Es hat sie noch keiner direkt danach gefragt, wie sie ihre Rolle sieht und wie sie damit zurecht kommt. „Vor allem keiner aus der Familie und Jan auch nicht“, ergänzt sie ernüchtert.

Das schlimme Wort: „Stiefmutter“

Der Begriff Stiefmutter ist für die meisten Menschen negativ besetzt. So geht es auch der mittleren Stieftochter, erzählt Paula: „Sie meinte mal zu mir: ‚Stiefmutter finde ich irgendwie blöd. Wenn ich dann zu meinen Freundinnen sagen muss, ich fahre zu meiner Stiefmutter. Mir wäre es lieber, du wärst meine Freundin.’“

Paula selbst denkt bei dem Wort auch als erstes an die bösen Stiefmütter aus den Märchen. Darüber hat sie länger nachgedacht und beichtet: „Ich versteh die Stiefmamas in den Märchen immer besser. Ich meine, solche Szenen wie Eifersucht oder Mütter, denen die eigenen Kinder wichtiger sind als die Stiefkinder. Solche Gefühle, die die Stiefmütter haben. Das eine ist ja, was sie denken, und das andere ist, was sie dann auch wirklich ausleben. Ob sie die für sich behalten. Ob sie so stark sind, die zu unterdrücken.“ Wie man das wohl schaffen kann? „Wenn man eine Heilige ist, dann null Problemo!“, sagt sie und lacht.

„Warum können es nicht anderer Leute Kinder sein?“

Paula mailt mir ein paar Stunden nach dem Interview: „Es ist komisch, die finsteren Gedanken, die man so hegt, plötzlich in Worte zu fassen und fassen zu dürfen. Eben auch mit dem schlechten Gewissen, dass man Kindern gegenüber sowas wie Eifersucht hegt. Oder dass es schöner gewesen wäre, der Partner hätte keine Kinder. Auch wenn sie liebenswert sind und wenn man sie nicht missen will auf der Welt, aber warum können es nicht anderer Leute Kinder sein?
(Uh, Du ahnst nicht, wie mein Gewissen in die Knie geht, während ich das schreibe! Merkst Du, was für eine böse, böse Stiefmutter ich bin ;)?).“

 
*Name geändert

 

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