Interview: „Die leiblichen Eltern haben bei Erziehungsfragen mehr Stimmrecht, obwohl die Stiefeltern genauso viel leisten.“

Als Anja* ihren jetzigen Mann Stefan* vor zehn Jahren kennenlernte, ging alles ganz schnell. Er war gerade frisch getrennt, nach nur drei Monaten zogen sie zusammen. Von einem Tag auf den anderen wurde sie von der alleinerziehenden Mutter einer Tochter zur Patchworkmutter mit vier Kindern, die inzwischen 13, 16, 17 und 19 Jahre alt sind. Konflikte haben sie vor allem bei Erziehungsfragen. Eifersucht dagegen ist schon lange kein Thema mehr.

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Stiefkindern?

Unterschiedlich. Die beiden kleinen Patchworkkinder leben die Hälfte der Zeit bei der leiblichen Mutter. Zu denen bin ich schon reservierter als zu meiner eigenen Tochter. Der Große lebt so gut wie komplett bei mir, der ist quasi wie mein Kind.

Wie war es für dich, als du die Kinder kennengelernt hast?

Am Anfang war es sehr sehr offen. Da waren auch die Rollen klar, dass ich die Stiefmutter bin, oder dass ich nur die Freundin von Stefan bin und nicht die Mutter. Schwierig wurde es in dem Moment, wo es daran ging zu erziehen und Regeln aufzustellen. Sowas wie abends ins Bett gehen, Hausaufgaben machen oder Vokabeln lernen, irgendwas Unbeliebtes, wozu man keine Lust hat.

Das heißt, da wollten sich deine Stiefkinder nichts sagen lassen?

Ja.

Ist es immer noch so, dass es mehr seine Kinder als deine Kinder sind?

Ich denke, das hat sich immer mehr gemischt mit der Zeit. Aber es ist noch immer so: In Krisensituationen oder bei Krankheiten sind das absolute Papakinder.

Bist du manchmal eifersüchtig?

Nee.

Und wie ist dein Verhältnis zu der Ex?

Ähm. Schlecht.

Was für Probleme habt Ihr?

Teilweise sind da Unstimmigkeiten, wie die Kinder zu erziehen sind, wie viel Autorität verlangt wird. Da haben wir eine sehr unterschiedliche Auffassung.

Hast du ein konkretes Beispiel?

Zum Beispiel geht es jetzt darum, dass ich den bald 14-Jährigen jetzt in der Verantwortung sehe, ein eigenes Konto zu führen. Und da hätte die leibliche Mutter lieber noch kein Konto, sondern dass er das zu Hause in einem Sparschwein verwaltet. Und das ist einfach ein Konfliktpunkt, der bis in die Familien hineinreicht.

Das heißt, du willst den Kindern früher Selbstverantwortung geben?

Ja.

Bist du weniger streng?

(Überlegt.) Nein, ich will mehr Verantwortung geben. Ganz am Anfang habe ich zum Beispiel auch gesehen, dass es durchaus schon möglich ist, dass er mit einem richtigen Kinderholzmesser schnitzt und Sachen anfertigt. Und wenn er sich schneidet, kann man da halt ein Pflaster draufmachen. Und in dem anderen Haushalt durfte er sich noch nicht mal die Brote zum Essen selbst schmieren. Da war er 4.

Hast du noch andere Beispiele für Konflikte?

Schulwechsel zum Beispiel. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen von der Schule, die die Kinder beim Wechsel jeweils in die 5. Klasse besuchen sollten. Und da musste man sich halt nicht nur mit zwei Partnern einigen, sondern dann immer mit vier Partnern, Eltern und Stiefeltern. Es war klar, dass die leiblichen Eltern mehr Stimmrecht hatten.

Obwohl die nicht leiblichen genauso viel mitarbeiten.

Genau. Wir machen ja genauso Hausaufgaben mit denen oder Vokabeln abfragen.

Ist das ein Problem, dass du quasi die Sorgepflicht hast, aber nicht das Sorgerecht?

Ja.

Würdest du sagen, dass du seine Kinder liebst? Ist da über die Jahre etwas gewachsen?

Ja. Also, ich könnte mir zum Beispiel nicht vorstellen, wenn die Beziehung auseinander gehen sollte, dass es dadurch auch einen kompletten Bruch mit den Kindern geben würde. Da ist schon eine eigene Beziehung entstanden.

Bekommst du von den Kindern mit, dass sie es besser fänden, wenn die leiblichen Eltern noch zusammen wären?

Ja, vor allem die Mittlere hat da große Probleme mit. Sie war auch in einer Trennungskindergruppe. Sie fand allein schon die Trennung von den Eltern sehr schrecklich und würde sich, glaube ich, nach wie vor vom Herzen her wünschen, dass die noch zusammen wären.

Sagt sie dir das manchmal?

Nee, aber sie zeigt eine deutliche Distanz manchmal.

Wie fühlt sich das für dich an?

Das ist schon … ja, traurig, irritierend.

Gibt es auch etwas, wo du sagen würdest, das habt Ihr richtig gut zusammen hinbekommen?

Ich glaube, es war sehr hilfreich, dass wir relativ schnell eine Moderation hatten für die vier neuen Elternteile, die leiblichen Eltern und die Stiefeltern. Und das zweite, was glaube ich auch den Kindern sehr, sehr wichtig ist, dass Stefan als leiblicher Vater versucht hat, ganz in die Nähe zu ziehen. Wir wohnen zwei Straßen entfernt von der anderen Stieffamilie. Und dass die Kinder sich wirklich in beiden Haushalten zu Hause fühlen können, die Freunde nicht wechseln müssen, die Schule gleich bleibt.

Hast du Tipps für andere Stiefmütter, was sie machen können, wenn sich grad wieder mal alles total doof anfühlt?

Also, mir hat sehr geholfen, dann wirklich immer mit dem Partner auch über die Gefühle zu reden. Ganz oft hat sich das auch als Mißverständnis herausgestellt. Es war dann auch hilfreich zu merken: Der Partner steht so oder so zu einem. Es gibt immer wieder Konflikte und Rollenfindungen.

Gibt es manchmal Momente, in denen du dich vom Partner nicht unterstützt fühlst?

Ich glaube, nicht anders als mit einem leiblichen Kind.

Wie ist sein Verhältnis zu deiner Tochter?

Er sieht da auch eine deutliche Distanz. Das hilft manchmal bei Beziehungskonflikten, wenn man nochmal eine ein bisschen neutralere Person hat, die diese Mutter-Kind-Beziehung von außen sieht und reflektiert. Er ist nicht so emotional eingebunden.

Ist es für dich ein Problem, dass Ihr keine gemeinsamen Kinder habt, er aber schon so eine lange Geschichte mit seiner Exfrau hat? Gibt es da sowas wie Vergangenheitseifersucht?

Die gab es eine ganze Zeit lang. Jetzt gerade zu unserem 10-jährigen Jubiläum haben wir festgestellt, dass ich schon länger mit ihm zusammen bin als seine vorherige Beziehung war. Daran merkt man schon, dass es ein Thema war. Die Geschichte der Kinder mit der Ex ist ja nicht vorbei, weil sie regelmäßig drüben sind. Aber ich denke, das ist bei uns nicht so gravierend, weil beide Partner wieder eine neue Beziehung haben, die schon über den gesamten Zeitraum geht.

Glaubst du, es wäre anders gewesen, wenn du noch kein eigenes Kind gehabt hättest?

Ich glaube schon. Ich glaube, gerade bei Erziehung spielt sich viel in den ersten Jahren ab, und wenn ich da nicht die Erfahrung gehabt hätte, wäre es mir doch sehr schwer gefallen. Ich merke das bei dem anderen Stiefvater, dem fällt es teilweise sehr, sehr schwer, mit der Erziehung klarzukommen, weil er ganz komische Vorstellungen hat. Er ist selbst im Internat aufgewachsen und hat selbst diese Eltern-Kind-Beziehung nicht gehabt und hat jetzt auch Probleme, das mit den Stiefkindern aufzubauen. Die hat er ja erst groß kennengelernt. Er hat keine eigenen Kinder.

Hast du schon mal Lob für deinen Job als Stiefmama bekommen?

(Denkt lange nach.) Nee. Aber Meine Eltern haben mich sehr unterstützt und auch die Enkelkinder gleich akzeptiert.

 
*Name geändert

 

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